Amtsübergabe von Philippe Hebeisen an Jean-Daniel Laffely

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Philippe Hebeisen, wie lautet Ihre Analyse der Vaudoise-Gruppe nach zehn Jahren unter Ihrer Führung? 

Philippe Hebeisen: Die Schweizer Versicherungsbranche hat insgesamt ein sehr positives Jahrzehnt hinter sich. Das gilt erst recht für die Vaudoise-Gruppe, die angeregt wurde vom Wirtschaftswachstum der Genferseeregion, von ihrem traditionellen Schwerpunkt auf dem Nichtleben-Geschäft und – ohne falsche Bescheidenheit – von einem dynamischeren Management mit einer klareren Vision.

Alles in allem eine Schönwetterlage, die nach der Subprime-Krise im Herbst 2008 begann und mit einem Rekord-Geschäftsjahr 2019 zu Ende geht, kurz vor der Coronakrise. Schon fast etwas frustrierend, schliesslich erkennt man wahre Führungskräfte erst in Krisenzeiten. Doch an strategischen Entscheidungen mangelte es nicht, und sie wurden immer vom Verwaltungsrat unterstützt und bestätigt: Von der Rückkehr zu unseren genossenschaftlichen Wurzeln, über die Konzentration auf den Schweizer Markt bis zu einigen nötigen Reorganisationen, wo es an Rückgrat nicht fehlen durfte.

Eine durchaus positive Bilanz, ein Wachstum über dem Marktdurchschnitt, mehr als komfortable Eigenmittel, was vor zehn Jahren noch nicht der Fall war.

 

Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz? 

Philippe Hebeisen: Als erstes vor allem auf die Dynamik und den Teamgeist im Direktionsausschuss – da gehören natürlich auch angeregte Diskussionen dazu. Auch die vielfältige und erneuerte Zusammensetzung des Teams kann es heute sicher mit unseren grossen Mitbewerbern im Schweizer Markt aufnehmen. Die wichtigste Aufgabe eines Managers ist es, sich mit den richtigen Personen zu umgeben, die ihm in Sachen Kompetenz idealerweise überlegen sind, und das Team dann in Bewegung zu setzen. Nur schade, dass nicht mehr Frauen im Direktionsausschuss sitzen.

Ich bin auch stolz darauf, dass die Vaudoise zu ihrem verdienten Platz im Markt gekommen ist. Es gibt noch Raum nach oben, aber wer sie kennt, der schätzt sie – auch in der Deutschschweiz. Dies verdanken wir den guten Ergebnissen und der sehr soliden Bilanz – dazu hat mein Nachfolger viel beigetragen –, aber auch dem dynamischen und städtischen Image und der Präsenz auf dem Markt.

Ich bedaure, dass wir aufgrund des Zinseinbruchs während der gesamten Zeit das Spargeschäft der Einzellebenversicherung nicht wirklich in Gang bringen konnten, in einer Branche, in dem die Bedürfnisse immer grösser und wichtiger werden, und die mich persönlich am meisten interessieren würde.

 

Haben Sie eine Anekdote, die Ihnen besonders geblieben ist?

Philippe Hebeisen: Viele Anekdoten, viele schöne Erinnerungen, nur schöne Erinnerungen! Davon viele bei Sport- oder Kulturveranstaltungen und einem privilegierten Platz, da die Vaudoise an der Organisation beteiligt war. Eine herrliche Anekdote: Als ich aufgrund von Jetlag und Zeitverschiebung im Hotel Schweizerhof in Zürich erst fünf Minuten vor Beginn der Pressekonferenz zur Präsentation des Geschäftsergebnisses aufgewacht bin. Das waren fünf sehr effiziente Minuten! Niemand hat etwas bemerkt – ausser unserer Generalsekretärin, Nathalie Follonier, die sich Sorgen gemacht hatte.

 

Sie sind zwar offiziell «pensioniert», können Sie uns aber ein paar Ihrer kommenden Projekte verraten?

Philippe Hebeisen: Ich bin erstmal ganz froh, die Vaudoise auch weiterhin begleiten zu dürfen, in einer anderen Funktion. Mein Ziel ist es, etwa ein halbes Pensum für sogenannte intellektuelle Tätigkeiten beizubehalten, zum Teil in anderen Bereichen als der Versicherungsbrache (Präsident der Oper Lausanne, Vorstand economiesuisse). Dann muss unbedingt Zeit für meine Frau und meine Töchter bleiben, die mich in den letzten Jahren wenig gesehen haben! Und dann sind da natürlich die Musik und verschiedene Sportarten, die für mich unverzichtbar sind.

 

Einen Ratschlag, den Sie Ihrem Nachfolger auf den Weg geben möchten?

Philippe Hebeisen: Den braucht er nicht, er weiss, wohin er will, auch ohne Navigationsgerät. Eins ist sicher: Ich konnte die Autobahn nehmen, auf ihn kommen jetzt die Bergstrassen zu!

Jean-Daniel Laffely, Sie übernehmen heute die Leitung der Vaudoise-Gruppe. Von welcher Vision werden Sie geleitet?

Jean-Daniel Laffely: Es ist mir natürlich eine Freude und Ehre, die Leitung der Vaudoise-Gruppe zu übernehmen, nachdem ich bereits die letzten Jahre dabei sein durfte. Klar ist, dass es bereits steil losgeht! Mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Direktionsausschusses und des Krisenstabs haben wir eine erste Passfahrt auf der von Philippe Hebeisen genannten Bergstrasse überstanden.

Was meine Vision angeht: In der Versicherungsbranche müssen Ziele auf lange Frist verfolgt werden, mit Geduld und Durchhaltevermögen. Ausserdem glaube ich mehr an die Leistung des Kollektivs als an diejenige der Einzelperson. Zum Glück habe ich einen sehr motivierten und kompetenten Direktionsausschuss an meiner Seite.

Ich spreche beim Thema Vision also gerne von einem Zeithorizont bis mindestens 2025 oder gar 2030. Wir möchten die Nummer 1 bei der Kundenzufriedenheit werden. Dieses Ziel lenkt mich langfristig, denn als Folge davon können wir unseren Kundenstamm ausbauen und weitere Dienstleistungen mit echtem Mehrwert anbieten. 

Das ist nur möglich, wenn wir eine klare Strategie haben, die den Kunden ins Zentrum stellt und die sich über unsere Projekte der digitalen Transformation konkretisiert, die dieses Jahr mit Volldampf unterwegs sind. Wer mich kennt, weiss natürlich, dass ich im Bereich rentables Wachstum und Finanzen der Gruppe anspruchsvoll bin, in der heutigen Zeit noch mehr als sonst.

Welche grossen Herausforderungen stehen der Gruppe im Bereich der Versicherungen bevor?

Jean-Daniel Laffely: In meinen Augen gibt es derer fünf: Als Erstes gilt es, unseren digitalen Wandel erfolgreich zu meistern, als Zweites unser Produktangebot zu stärken für Kunden, die digital unterwegs sind. Dabei verfolgen wir gleichzeitig unsere Aktionen weiter für unsere Kunden, die den analogen Weg bevorzugen und die uns ihr Vertrauen schenken. Denn schliesslich entscheidet der Kunde, wie er mit uns interagieren will. Als Drittes müssen wir auf die Marktentwicklung reagieren und auf die Herausforderungen, die damit einhergehen. Viertens müssen wir unsere finanzielle Stabilität gut nutzen, um unsere Gruppe weiterzubringen. Und schliesslich müssen wir eine differenzierte Value Proposition bieten und uns gleichzeitig an die gesellschaftliche Entwicklung anpassen. Das wirtschaftliche Umfeld wird wohl etwas schwieriger sein und wir versuchen, das bestmöglich anzugehen.

 

Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen, worauf konzentrieren Sie Ihre Energie?

Jean-Daniel Laffely: Grob gesagt sind das alle Projekte, die mit unseren Entwicklungsbereichen zusammenhängen. Dazu zählen die digitale Transformation, der Kunde im Zentrum, Corporate Development und effiziente Prozesse. Die Kontinuität unserer Entwicklung im Kerngeschäft geht mit einer erhöhten Präsenz in der Deutschschweiz einher. In der Westschweiz möchten wir ebenfalls in einigen Marktsegmenten wachsen. Dazu braucht es einen Omnikanal-Vertrieb. Den Grundstein bildet dabei unser eigenes Agenturnetz, mit dem wir eine vertrauensvolle Beziehung zu unseren Kunden aufbauen und pflegen können. Aber auch das Brokernetz und unsere Partnerschaften gehören dazu und beides möchten wir stärker weiterentwickeln. Und nicht zu vergessen, das E-Business, das in naher Zukunft einen immer wichtigeren Stellenwert einnehmen wird.

Damit wir das schaffen, müssen wir moderne Branchenlösungen bieten, die wir mit all den laufenden Projekte in der digitalen Transformation erarbeiten. Wir müssen zwar realistisch bleiben, aber stets auch ambitioniert für unseren Wandel. Unsere Kunden, unser Vertrieb und unsere Mitarbeitenden sollen davon profitieren. 

 

In dieser Zeit der schrittweisen Lockerung, was möchten Sie den Mitarbeitenden und den Kunden mit auf den Weg geben? 

Jean-Daniel Laffely: In erster Linie möchte ich allen Personen danken, die bei der Bewältigung dieser Krise unermüdlichen Einsatz geleistet haben. Diese Situation kam völlig unerwartet und wir alle mussten unseren Alltag und unsere Gewohnheiten von einem Tag auf den anderen umstellen. Bei der Vaudoise haben wir fast alle im Homeoffice gearbeitet. Nun setzen wir einen Plan zur schrittweisen Rückkehr der Mitarbeitenden an deren Arbeitsplatz um. Erste Priorität hat dabei ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld. In dieser aussergewöhnlichen Zeit ist es sehr wichtig, dass wir für unsere Kunden und ihre Anliegen da sind. Deshalb haben wir mehrere Massnahmen ergriffen, um KMU und Selbstständigerwerbende zu unterstützen, die von den Massnahmen zur Eindämmung des Virus getroffen wurden. Kunden, die gerne zu uns in die Agentur kommen möchten, sind herzlich willkommen. Wir sind so eingerichtet, dass wir ihnen ein sicheres Umfeld bieten können. Natürlich obliegt es jedem Einzelnen, die Empfehlungen des Bundesrates weiter zu befolgen. 

 

Wie geht es der Vaudoise?

Jean-Daniel Laffely: Die Folgen der Krise machen sich vor allem bei unserem Eigenkapital bemerkbar und hängen hauptsächlich von der Entwicklung der Finanzmärkte ab. Wir rechnen mit einem leichten Rückgang unserer Nichtleben-Prämien im Vergleich zu 2019. Bei den Leistungen zeigt sich je nach Branche eine andere Situation: Wir entschädigen unsere Unternehmenskunden, die eine Epidemie-Deckung abgeschlossen haben. Die Fälle für KTG-Leistungen nehmen zu, während wir weniger Fälle bei Unfällen und Krankheit verzeichnen. Ich hätte mir natürlich für das 125-Jahr-Jubiläum einen festlicheren Kontext gewünscht.

 

Wie sehen Sie die Vaudoise in zehn Jahren?

Jean-Daniel Laffely: Nun, sie wäre dann 135 Jahre alt? Und ich im Rentenalter, vorausgesetzt, das derzeitige Alter gilt dann noch. Die Vaudoise wird die genannten Herausforderungen gemeistert haben und wird ein treuer Partner sein, der in der Versicherungswelt anerkannt ist, und der weitere Dienstleistungen anbietet. Die Vaudoise wird ihre Ambition erreicht haben und die Nummer 1 der Kundenzufriedenheit sein. Und wie schon heute werden die Mitarbeitenden stolz auf ihr Unternehmen sein. Kurzum, dank unseren Mitarbeitenden werden wir ein starke Vaudoise haben.

 

Möchten Sie Ihrem Vorgänger etwas sagen?

Jean-Daniel Laffely: Ich möchte Philippe Hebeisen herzlichst danken für seine Arbeit während der elf Jahre an der Spitze. Er zeigte sich eher bescheiden in Bezug auf all die Entscheidungen, die er als CEO treffen musste. Er hatte stets ein offenes Ohr und gewann das Vertrauen des Verwaltungsrats und der Mitarbeitenden. Ich möchte mich auch für die Unterstützung und Zusammenarbeit in den letzten elf Jahren bedanken. Ich denke, ich spreche im Namen aller Mitarbeitenden: Wir sind stolz auf unseren charismatischen CEO, der die Werte des Unternehmens stets vorlebte.